Kinderklinik Ortenau Chefarzt Dr. Stuhrmann im Gespräch

„Unser Leben ist das, was unser Denken daraus macht“.

Chefarzt Dr. Stefan Stuhrmann im Gespräch

Mein Tagesablauf sieht immer ein bisschen anders aus – lassen Sie uns den Fokus also vorerst auf die Stationen legen: Die Dienstzeiten beginnen zwischen 7.45 Uhr und 8 Uhr, da wir sie auf die Fahrtzeiten der ICEs abgestimmt haben. Viele der Assistenzärzte/innen kommen aus Freiburg und pendeln täglich. Diese Art von Abstimmung ist Teil der Mitarbeiterfreundlichkeit. Spätestens um 8 Uhr geht es dann mit den Übergaben und Visiten auf den Stationen los.

Zweimal in der Woche, dienstags und freitags, haben wir um 8.30 Uhr zunächst eine Radiologiebesprechung. In der radiologischen Abteilung werden dann die Röntgenbilder und MRT-Untersuchungen der letzten Tage präsentiert und die einzelnen Fälle mit dem Radiologen besprochen. Die Visite auf der Normalstation unterscheidet sich ein wenig von dem Ablauf auf der Intensivstation. Auf der Normalstation gehen die Ärzte zu den Patienten, untersuchen sie, sprechen mit den Eltern und machen schon die ersten Entlassungen, wenn am Vortag bereits feststand, dass der Patient gehen darf. Nach der Visite folgen die Funktionsuntersuchungen, das heißt, die Ultraschalluntersuchungen, EKGs und so weiter. Anschließend werden unter anderem die Ergebnisse ausgewertet und Therapiepläne erstellt. Um 12 Uhr gibt es eine halbstündige Mittagsbesprechung, in der es unter anderem um die Neuaufnahmen geht. Für administrative Aufgaben bleibt dann der Nachmittag.

Auf der Intensivstation müssen wir uns mehr an den Kindern orientieren. Die Frühgeborenen von 500 bis 700 Gramm haben feste Versorgungszeiten. Untersuchungen können wir daher nicht willkürlich durchführen – natürlich abgesehen von Notfällen – sondern stimmen uns mit den Pflegefachkräften ab. Ab dem dritten bis vierten Lebenstag ist bei Neugeborenen in Deutschland die Vorsorgeuntersuchung U2 vorgesehen, die die Ärzte der Kinderklinik auch bei den gesunden Neugeborenen in der Frauenklinik durchführen. Dazu gehört eine komplette körperliche Untersuchung sowie ein längeres Gespräch mit den Eltern. Auf der Intensivstation kann natürlich viel Unvorhergesehenes eintreten. Wenn ein Kind entbunden wird und unsere Hilfe braucht, müssen wir sofort vor Ort sein.

Entsprechend dem Landeskrankenhausplan haben wir 46 Betten. 20 in der Neonatologie und 26 in der Allgemeinpädiatrie. Leider haben wir auch nicht mehr viele Stellplätze in der Reserve. Hier im Klinikum ist es so, dass die chirurgischen Fächer ebenso Kinder versorgen – die Unfallchirurgen, die Allgemeinchirurgen, die plastischen Chirurgen, die Urologen. Diese Kinder werden ebenso auf der Normalstation der Kinderklinik untergebracht, sodass wir häufig voll belegt sind. Ein bisschen mehr Platz könnten wir durchaus gebrauchen. Das ist damals ein bisschen eng konzipiert worden. Wahrscheinlich auch vor dem Hintergrund der rückläufigen Geburtenraten – in den letzten zwei bis drei Jahren verlief der Trend aber eher in die andere Richtung.

Das hat sehr viel damit zu tun wie der Gesundheitszustand des Kindes ist. Niemand wird aus dem Bett geschmissen. Manchmal lässt man ein Kind oder auch die Eltern ein bisschen länger schlafen. Wenn ein Patient nachts um 3 Uhr erst kommt, können Sie ihn nicht um 7 Uhr wecken. Wir versuchen also, uns nach den Patienten zu richten. Das Bild, das man früher hatte – um 5 Uhr wecken, alle Fieber messen – ist längst überholt. Der Tagesablauf ist sehr individualisiert.

Hierzu muss ich kurz das Perinatalzentrum Level 1 erwähnen. Es gibt drei Level in Deutschland. Level 1 ist die höchste Versorgungsstufe, das heißt wir können Frühgeborene an der Grenze der Lebensfähigkeit behandeln – ab Schwangerschaftswoche 24 plus 0 und in Ausnahmen auch darunter. Teilweise wiegen die Kinder auch unter 500 Gramm.

Frühchen haben natürlich ihre ganz besonderen Bedürfnisse. Für ihre Behandlung gibt es spezielle personelle und räumliche Voraussetzungen. Zu den räumlichen Aspekten zählt beispielsweise die Wand-an-Wand-Lösung mit der Geburtshilfe: Wir haben ein Erstversorgungszimmer für die Frühgeborenen direkt neben dem Kreißsaal. Das bedeutet kurze Wege, wovon im Falle geburtshilflicher Komplikationen natürlich auch die reifen Neugeborenen profitieren. Dann können wir sofort zur Stelle sein. Auf der Intensivstation sowie der Normalstation gibt es außerdem einen Schichtdienst, das heißt, es sind 24 Stunden am Tag Pflegekräfte und auf jeder Station ein Arzt vor Ort, ein Neonatologe ist in kürzester Zeit hinzuziehbar.

Es mag etwas ungewöhnlich erscheinen, dass in einer vergleichsweise kleinen Klinik ein Perinatalzentrum Level 1 angesiedelt ist. Das ist aber durchaus vernünftig, wenn man sich die Strukturen der Ortenau vor Augen führt. Die Ortenau ist ein riesiger Landkreis mit langen Wegen. Da wäre der Weg nach Freiburg manchmal einfach zu weit. Wir haben ungefähr 30 bis 35 Frühgeborene unter 1250 Gramm pro Jahr, die das Level 1-Zentrum ausmachen beziehungsweise circa 40 bis 45 unter 1500 Gramm. Dazu kommen etwa 600 Neugeborenenbehandlungen anderer Gewichtsklassen und insgesamt etwa 2000 stationäre Kinder, außerdem 4500 ambulante und ungefähr 600 prästationäre Patienten – das sind Kinder die nicht aufgenommen werden, sondern zu einer Untersuchung kommen, die der Kinderarzt nicht anbieten kann. Ebenso gibt es den Neugeborenen-Abholdienst der Klinik, der 24 Stunden einsatzbereit ist und die Geburtshilfen hier in der Gegend anfahren kann. Die Standorte Lahr, Achern und Oberkirch des Ortenau Klinikums kommen beispielsweise auf zusätzliche 1500 Geburten. Insgesamt liegt der Einzugsbereich der Neonatologie im Bereich von 3500 Geburten pro Jahr.

Die Kinderklinik bietet beispielweise eine Diabetesambulanz. Unsere Oberärztin Frau Huber betreut ungefähr 85 Diabetiker im Quartal. Das sind überwiegend insulinpflichtige Patienten mit  Diabetes mellitus Typ 1.

Auch ganz wichtig ist die Kinderschutzambulanz. Das ist eigentlich eine Einrichtung des Ortenaukreises, die an die Frühen Hilfen angegliedert ist. Die Frühen Hilfen unterstützen Familien mit Schwierigkeiten und Überforderungssituationen: Beispielsweise leisten sie nach einer Zwillings- oder Drillingsgeburt pragmatische Hilfe vor Ort bis das Leben sich einspielt. Als Teil dieser Frühen Hilfen ist die Kinderschutzambulanz gegründet worden. Es werden zum einen Familien von Kindern mit Regulationsstörungen betreut, häufiger bekannt unter dem Begriff Schreiambulanz. Auch Familien von Kindern mit Gewalt- und Missbrauchsproblematik oder Eltern mit Drogenprobleme erhalten Hilfe. Diese Einrichtung teilen sich der Kreis und die Klinik. Das Angebot wird sehr gut angenommen und es kann jeder bei Problemen anrufen und kostenfrei Hilfe erhalten, auch anonym oder über den Kinder- oder Hausarzt – sogar über die Schule.

Eine spezielle Onkologie gibt es hier nicht. Frau Stelzer ist unsere Onkologin. Wir machen die Erstdiagnostik und schicken die Kinder dann nach Freiburg zur weiteren Diagnostik und Therapie, denn die Onkologie ist so hochspezialisiert, dass wirklich nur ganz wenige Zentren in Deutschland die Behandlung durchführen sollten. Es gibt dafür feste Protokolle und es wird sehr strukturiert gearbeitet, was auch zu sehr guten Erfolgen führt. Wenn Kinder hier aus der Ortenau eine Chemotherapie erhalten, können sie in Einzelfällen auch morgens zu uns in die Tagesklinik kommen. Frau Stelzer hängt dann die Chemotherapie an und sie haben sich eine Reise gespart. Die Therapie erfolgt in sehr enger Abstimmung mit Freiburg.

Die Kinderheilkunde ist leider schlecht finanziert. Wir haben die Problematik, dass es sich bei der Versorgung unserer Patienten in 80 Prozent der Fälle um Akutbehandlungen handelt. Daher müssen wir relativ viele Ressourcen vorhalten, können diese jedoch nicht gut planen. Zum anderen sind wir in einem Bezahlsystem, das auf diagnostic related groups basiert, DRG-System genannt. Das heißt, für die Behandlung eines bestimmten Krankheitsbildes erhalten wir eine bestimmte Menge Geld.

Häufig werden keine eigenen Werte für die Kinderheilkunde festgelegt, sondern von der Erwachsenenheilkunde übernommen. Es ist aber etwas anderes, ob ich eine Lungenentzündung bei einem Erwachsenen behandle, oder bei einem Kind. Sowohl der zeitliche, als auch der personelle Aufwand sind im zweiten Fall höher. Wenn ich beispielsweise Blut entnehme, brauche ich bei Kindern immer zwei Leute – eine Person zur Durchführung und eine weitere, die das Kind oder vielleicht auch die Eltern beruhigt. Grundsätzlich ist der Pflegeaufwand höher und ein bisschen mit der Altenpflege zu vergleichen. Ein Kind zu pflegen, gerade einen Säugling, das dauert seine Zeit und die Eltern möchten natürlich immer mit einbezogen werden. Auch der Gesprächsbedarf ist größer, da wir nicht nur mit dem Patienten direkt sprechen, sondern auch mit den Eltern. All das wird im deutschen Gesundheitssystem nicht gut abgebildet. Das einzige, was einigermaßen vernünftig bezahlt wird, ist die Frühgeborenenmedizin. Für ein Frühgeborenes von 500 Gramm muss ich 100 Kinder mit einer Magen-Darm-Grippe behandeln – das ist der ungefähre Größenvergleich.

Das Thema Schule ist vielen Eltern ganz wichtig, gerade wenn die Kinder ein bisschen länger in der Klinik bleiben müssen. Wir können hier durch eine Schule der Ortenau, die im Klinikum angesiedelt ist und durch Frau Birkhold geleitet wird, in sechs großen Fächern Unterricht anbieten: für alle Altersgruppen, alle Schulformen, auch in Absprache mit den Heimatschulen. Wenn es sein muss, können wir hier auch Klausuren schreiben lassen. Die Patienten sind da nicht immer so ganz begeistert – die Eltern schon. Den Schulunterricht bieten wir auch relativ schnell an. Wenn ein Abklärungspatient zwei Tage in der Klinik ist, kann er gleich am Unterricht teilnehmen, der dann meist in den Patientenzimmern stattfindet. Je nachdem, wie mobil die Kinder sind, haben wir hierfür aber auch einen eigenen Raum.
 
Außerdem gibt es bei uns einige ehrenamtlich Tätige, beispielsweise in der evangelischen Krankenhausbibliothek für Kinder. Einmal wöchentlich verteilt eine Dame Bücher an unsere Patienten. Natürlich haben wir auch einen Klinikclown. Frau Schwarzkopf kommt regelmäßig auf die Station und versucht, die Kinder und Eltern zum Lachen zu bringen und für gute Stimmung zu sorgen. Dankbarerweise wird sie vom Förderverein der Kinderklinik finanziert. Ansprechpartner sind Schatzmeisterin Frau Agüera und der 1. Vorsitzende und ehemalige Bürgermeister Herr Dr. Jopen.

Wir versuchen, die Krankenhausaufenthalte möglichst kurz zu halten – auch aus psychologischen Gründen. Vor 25 Jahren war die durchschnittliche Verweildauer in einer deutschen Kinderklinik neun Tage, heute sind es viereinhalb Tage und wir sind dabei, auch diese Dauer zu reduzieren. Wenn natürlich ein schwerkrankes Kind da ist, dauert der Aufenthalt auch länger, bei einer Hirnhautentzündung beispielsweise bis zu 14 Tage. Bei einem Frühgeborenen hängt es von der Schwangerschaftsdauer ab. Je reifer das Kind, desto kürzer die Aufenthaltsdauer.

Wenn die Mutter in der 24. Schwangerschaftswoche war, dann bleibt sie mit ihrem Kind ungefähr drei bis vier Monate im Krankenhaus. In dieser langen Zeit bekommen wir zu den Eltern ein ganz besonderes Verhältnis. Das ist nicht vergleichbar mit einer Familie, aber man kommt sich näher und durchlebt alle Phasen gemeinsam – vom Erschrecktsein, über das Annähern bis hin zum „Krankenhauskoller“. Für diese schwierigen Phasen haben wir eine Krankenhauspsychologin hier in der Kinderklinik Ortenau. Sie ist sowohl auf der Frühgeborenenstation, als auch auf der Normalstation tätig, denn wir behandeln immer mehr Krankheitsbilder, die einen psychischen Hintergrund haben, beispielsweise Essstörungen oder Depressionen. Häufig kommen diese Kinder mit chronischen Bauch- und Kopfschmerzen oder mangelnder Gewichtszunahme beziehungsweise Gewichtsabnahme erst zu uns, da man rein körperliche Ursache vermutet. Im Laufe des Krankenhausaufenthaltes stellt man dann fest, dass die Symptome eine psychische Ursache haben. Daher ist die Psychologin Frau Welle ein ganz wichtiger Bestandteil der Klinik.

Wir gehen davon aus, dass ungefähr 20 Prozent der Kinder heutzutage eine psychische Störung im weitesten Sinne haben. Ungefähr sechs Prozent müssen stationär behandelt werden. Ich weiß nicht, ob die Zahl der Fälle zugenommen hat oder ob wir einfach mehr Bewusstsein dafür entwickelt haben. Eine psychische Störung bedeutet nicht, dass der Patient schwerstkrank sein muss. Ich glaube allerdings, dass es viel mit der Welt zu tun hat, in der wir leben. Wenn Sie durch die Stadt gehen, sehen Sie viele Leute, deren Blick auf das Handy oder Tablet geht. Auch der Leistungsdruck hat sich meiner Meinung nach erhöht. Ich habe zum Beispiel noch G9 gemacht, meine Kinder hingegen G8 und ich bekomme mit, wie das stresst. Hinzu kommt der Freizeitstress. Mein jüngster Sohn zum Beispiel ist zehn Jahre alt und geht auf eigenen Wunsch zweimal pro Woche zum Schwimmen, spielt Fußball, lernt Klavier, will sich noch mit Freunden treffen und ist in der Schülerselbstverwaltung. Es ist unglaublich, was die Kinder heutzutage alles machen. In den nächsten Jahren werden wir noch viel darüber nachdenken.

Dank der modernen Medizin und der Impfprogramme sind die schlimmen Kinderkrankheiten, die es früher gab, mehr in den Hintergrund gerückt. Dafür kommen viele chronische Erkrankungen auf uns zu. Übergewicht ist so ein großes Thema: 15 Prozent der Kinder sind übergewichtig und es kommen nochmal ein paar Prozent hinzu, die richtig fettleibig sind. Insgesamt kommt man auf 20 Prozent Kinder, die Gewichtsprobleme haben – mit Folgen wie Bluthochdruck, später Koronarer Herzkrankheit, Gelenkproblemen, Diabetes.

Diabetes mellitus ist auch eine große Welle, die auf uns zukommt, denn die Anzahl an Neuerkrankungen pro Jahr hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt und wir gehen davon aus, dass sie sich in den nächsten zehn Jahren nochmal verdoppelt, schon bei den Kindern unter fünf Jahren. Woran das liegt, wissen wir noch nicht genau.

Auch Allergien beschäftigen uns, denn 25 Prozent aller Kinder haben mindestens eine allergische Erkrankung, fünf bis sechs Prozent davon sind Asthmatiker, die häufig auch irgendwann in der Kinderklinik behandelt werden müssen. Wir decken also ein breites Feld in einem sehr großen Landkreis ab.

Das ist ein Angebot, das grundsätzlich in unserer Klinik besteht. Ab einer bestimmten Altersgruppe halte ich das jedoch für nicht mehr notwendig. Manchmal ist es den Kindern dann auch peinlich, wenn ein Elternteil dabeibleibt. Bei kleineren Kindern ist es uns aber durchaus recht und für die Kinder wichtig.

Die Kosten für den Aufenthalt werden bis zu einem bestimmten Alter übernommen. Bei einer medizinischen Notwendigkeit können die Eltern in jeder Altersgruppe mit aufgenommen werden. Bekommt ein 14-Jähriger zum Beispiel die Erstdiagnose Diabetes, muss er geschult und eingestellt werden und auch die Eltern müssen diese Schulung mitmachen. Auch eine stillende Mutter darf natürlich kostenlos bleiben. Schwieriger gestaltet es sich bei einem 8- oder 10-jährigen, der eigentlich gut alleine bleiben könnte, nachts zumindest. Manche Eltern, die mehrere Kinder zu Hause haben, können selbstverständlich auch nicht immer dabeibleiben. Es gibt auch hin und wieder den Fall, dass die Kinder sich mit ihren Zimmerkollegen so gut verstehen, dass sie gar nicht unbedingt möchten, dass ein Elternteil mit in der Klinik bleibt. Da herrscht auch teilweise Party. (lacht)

Bei Diabetes gibt eine spezielle Schulung für Eltern, denn diese müssen quasi die Krankheit ihres Kindes managen. Gerade bei chronischen Erkrankungen ist es ganz wichtig, die Eltern mit in die Behandlung einzubeziehen. Auch bei den Frühgeborenen legen wir darauf großen Wert. Häufig herrscht zu Beginn viel Scheu, da es sich um ganz zerbrechliche Wesen handelt. Wir versuchen, die Eltern langsam an alles heranzuführen und fangen meist mit dem „Känguruhen“ an. Dabei sitzen die Eltern in einem Liegestuhl und wir legen ihnen ihr Kind auf die Brust. Ins Wickeln und Sondieren werden sie ebenfalls eingebunden, wenn sie das möchten.

Unsere Psychologin Frau Welle kümmert sich nicht nur um die Kinder, sondern auch um die Eltern, wenn sie zum Beispiel die Diagnose schwer verkraften. Natürlich sind aber auch die Ärzte und die Pflegekräfte für die Eltern da.
 
Unsere Vorsorgeuntersuchungen der Neugeborenen sind sehr umfangreich. Es wird unter anderem über die richtige Schlafumgebung und Infekte aufgeklärt. Die Eltern erhalten vor der Entlassung sozusagen eine kleine Grundausbildung, die häufig von den Hebammen weitergeführt wird. In der Vergangenheit haben wir außerdem Asthmaschulungen angeboten, was wir sicherlich auch in Zukunft wieder machen werden. Gerade die chronischen Erkrankungen brauchen mehr Anleitung, was die Stationsärzte meist selbst übernehmen. Wir versuchen, die Eltern sehr umfassend über das jeweilige Krankheitsbild ihres Kindes aufzuklären.

Wir versuchen zu kohortieren, das heißt, gleiche Krankheiten zu gleichen Krankheiten zu legen. Einen Patienten mit einer Durchfallerkrankung kann ich nicht neben jemanden mit einem gebrochenen Bein legen. Häufig sind die Krankheiten nicht so ansteckend wie man glaubt, aber es wird so wahrgenommen. Ebenso achten wir auf die Altersgruppen, sofern es geht. Wir haben nicht wahnsinnig viel Stellfläche und man muss teilweise jonglieren. Es gibt auch Zimmer, da liegen drei Mädels zusammen und es entstehen Kurzfreundschaften.

„Das Kind“ an sich, das gibt es nicht. Wir haben Frühgeborene von 500 Gramm, unsere ältesten Patienten sind 17 Jahre und wiegen 130 Kilogramm. Da müssen Sie sich jeweils auf das Kind und auch die Eltern einstellen können und sich mit den verschiedenen Altersgruppen auskennen. Jeder tickt anders und jeder hat andere Bedürfnisse, aber das ist in der Erwachsenenmedizin nicht anders. Zwischen einem dreijährigen und einem 17-jährigen liegen aber Welten. Einerseits muss man sich auf ein kindliches Niveau begeben und andererseits mit dem 17-jährigen eine Vertrauenssituation schaffen. Da zum Beispiel chronische Schmerzen nicht immer körperlich bedingt sind, ist es wichtig, dass sich die Kinder öffnen können.

Als Arzt und als Pflegender ist es essenziell, ein Gespür für den Umgang mit den Kindern zu entwickeln. Manchmal muss man auch sagen, dass man nicht der richtige für eine bestimmte Situation ist und ein Kollege übernehmen soll. Bei Mädchen muss es zum Beispiel häufig die Ärztin sein und nicht der Arzt. Gerade in der Pubertät ist viel Rücksicht gefragt und die Intimsphäre sollte gewahrt werden. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen sind immer enorm wichtig.

Es ist sehr wichtig, dass ich ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern habe. Das schlimmste, was man als Kinderarzt hören kann, ist: „Der böse Onkel Doktor muss dir jetzt eine Spritze geben.“ Wenn das Kind jedoch merkt, dass die Eltern ruhig sind, dann überträgt sich das automatisch.

Bei den Neugeborenen gibt es die Möglichkeit, eine Zuckerlösung einzusetzen. Wie wir alle wissen, macht Zucker glücklich – wir schütten Endorphine aus und es sorgt für eine kurzzeitige Schmerzstillung. Wenn wir einem Neugeborenen ein bisschen Glukoselösung geben und dann Blut abnehmen, bleibt das Kind häufig ruhig. Auch das nonnutritive Saugen, also das Schnullern, sorgt für ein Zufriedenheitsgefühl.

Generell kommt es immer auch auf die Behandlungssituation an. Wir hatten beispielsweise einen Jungen hier, der zur Bienengiftdesensibilisierung kam, da er allergisch auf Bienen reagierte. Er musste viele Injektionen über mehrere Tage bekommen, was für ihn anfangs eine Tortur war. Nach einem Gespräch mit unserer Psychologin Frau Welle  war er wie ausgewechselt, ein richtiger kleiner Held. Das war ein tolles Erlebnis.

Es gibt aber auch diese ganz schweren Fälle, beispielsweise Spritzenphobiker. Ablenken ist da keine gute Sache. Stattdessen sagen wir dem Patienten: „Das tut jetzt mal kurz weh und danach ist es vorbei“ – so schaffen wir ein stärkeres Vertrauensverhältnis, als wenn unverhofft der Stich kommt. Bei sehr unangenehmen Untersuchungen, wie einer Nervenwasserpunktion bei einer Hirnhautentzündung, betäuben wir die Kinder auch kurzzeitig, damit sie sich nicht an die Behandlung erinnern. Das würde ich jetzt aber nicht als Trick bezeichnen, denn es ist eine ganz normale Methode. Kleinere Operationen führen wir natürlich in Narkose oder Kurznarkose durch.

Wir wollen den Kindern auch die Angst vor der Klinik nehmen und sie sollen nicht die Vorstellung von einer Gesundheitsfabrik haben. Daher bieten wir auch eine Kindergartenführung an, bei der sich die Kinder die Räume ansehen und alles kennenlernen. Ich finde die Räume der Klinik sehr freundlich, auch von der Farbgebung.

Wir sind zwar eine Akutklinik, aber die Frühgeborenen, die länger bei uns sind, werden natürlich auch geimpft. Für uns ist das Impfen ein ganz großes Thema, weil es viele Impfgegner gibt. Man sieht aber immer wieder schwerste Krankheiten, die impfpräventabel gewesen wären. Wir sind sehr bemüht, die Leute positiv aufzuklären und den Nutzen des Impfens aufzuzeigen. Bei Keuchhusten besteht der komplette Impfschutz erst nach drei Impfungen. Die gefährdeten Kinder sind aber vor allem die Neugeborenen, die Atemstillstände davon bekommen können. Diese können nur geschützt werden, indem alle anderen geimpft sind.

Was eigentlich immer besonders lustig ist, sind Situationen mit dem Lachgas, das für eine kurze Schmerzstillung sorgt. Die Kinder können sich eine Geruchsrichtung aussuchen und manchmal wir dann über Schokoladentorte phantasiert.

Die meisten Kinder sind aber angespannt und nicht so locker, wie man immer denkt. Es gibt aber auch richtig mutige Patienten, da wundert man sich manchmal. Aber selten lachen wir schallend los. Mit den drei- bis fünfjährigen hat man eigentlich immer am meisten Spaß, da sie noch nicht so abgeklärt sind und aussprechen, was sie denken, das ist schon witzig. Da wir schwerstkranke Kinder behandeln, ist es häufig auch sehr emotional. Es gibt natürlich Situationen, in denen Kinder versterben, was auch für das Personal sehr schwierig ist. Aber trotz der schweren Erfahrungen gibt es auch Momente, in denen man denkt: Es ist der richtige Beruf – und man ist trotz allem glücklich. Wenn die Kinder einen mögen, geben sie einem sehr viel zurück. Ich denke, das ist auch der Grund, weshalb viele den Beruf wählen.

Besonders schön finde ich immer, wenn wir schwerkranke Kinder oder auch Frühgeborene gesund nach Hause geben können. Der Moment, in dem es nach Hause geht und man denkt, jetzt hat man wirklich etwas geschafft, ist sehr wertvoll.

In der Frühgeborenenmedizin werden nicht alle Kinder gesund entlassen. Manchmal fragt man sich dann, ob man den richtigen Weg gewählt hat. Im Gespräch mit den Eltern versuchen wir herauszufinden, was für alle – das Kind und die Eltern – das Beste ist. Nach zwei Jahren sehen wir die ganz kleinen Frühgeborenen nochmal zur Nachuntersuchung und häufig ist man total überrascht, wie gut sich manche entwickelt haben.

Es sind die täglichen kleinen Dinge – aber generell ist es schwer zu sagen. In Karlsruhe hatte ich zum Beispiel einen Patienten, den ich über Jahre betreut hatte, der mich beim Abschied umarmte. Das war ein emotionaler Moment. Es kommt hin und wieder vor, dass gerade die chronisch kranken Kinder eine emotionale Beziehung zu einem aufbauen. Ich habe einige kardiologische Patienten, die den Weg aus Karlsruhe nach Offenburg auf sich nehmen, da ich sie jahrelang betreut habe und ihnen der Arzt wichtiger als die Fahrtstrecke ist.

Ich sage immer „nichts wie raus hier und beehren Sie uns nicht so bald wieder“ (lacht). Ich bin eigentlich immer froh, wenn ich die Leute hier nicht so häufig sehe. Ein spezielles Motto habe ich nicht, aber mein persönliches Motto lautet: „Unser Leben ist das, was unser Denken daraus macht.“ Sehr wichtig finde ich, dass man positiv an alles herangeht und auch die kleinen Fortschritte sieht. Gerade in der Intensivmedizin stehen die Eltern häufig wie vor einem großen Berg und  haben das Gefühl, sie kommen nie wieder aus der Klinik. Da ist es enorm wichtig, positiv zu denken, sonst kann man hier auch nicht jeden Tag hinkommen.

Es gibt die Vorgabe der deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin für eine flächendeckende Versorgung in Deutschland. Demnach sollte jedes Kind in 30 Kilometer Entfernung oder in 40 Fahrminuten eine Kinderklinik erreichen, in der es stationär behandelt werden kann. Abgesehen vom Ortenau Klinikum wären die nächsten Kliniken in Freiburg, Karlsruhe oder Baden-Baden. Wenn Sie dann von Wolfach kommen, sind Sie ein Weilchen unterwegs. Gerade bei Vorfällen wie einer Sepsis („Blutvergiftung“) kann ein Kind aber innerhalb von nur einer Stunde versterben. Deswegen sind wir hier ganz wichtig angesiedelt, was auch der Politik klar sein muss. Hier in der Ortenau habe ich das Gefühl, dass der Stellenwert der Kinderklinik erkannt wurde.

Ärztliche Leitung

Abbildung: Dr. Stefan Stuhrmann

Dr. Stefan Stuhrmann
Chefarzt Kinderheilkunde und Jugendmedizin
Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin
Schwerpunkte: Kinderkardiologie, Neonatologie
Zusatzbezeichnung: Pädiatrische Intensivmedizin

Sekretariat

Edeltraud Agüera Oliver
Tel. 0781 472-2301
Fax 0781 472-2302
E-Mail: kinderheilkunde(at)og.ortenau-klinikum.de

Sprechzeiten

Privatsprechzeiten
Spezialsprechstunden

Kinderkardiologie
Diabetes mellitus

Terminvereinbarung über das Sekretariat, erreichbar:
Mo–Fr 8.30–12.30 Uhr,
Mo–Do 13.30–15.30 Uhr,
Fr 13.30–14 Uhr